Bundeskanzler Stocker: Erneuerung bedeutet, Zukunft entstehen zu lassen

Wiedereröffnung des Wiener Stadttempels

"Erneuere unsere Tage wie in alten Zeiten, heißt es im Buch der Klagelieder. Vielleicht beschreibt kaum ein Satz besser, was hier geschehen ist: Dieser Tempel wurde nicht erneuert, um aus ihm etwas anderes zu machen. Er wurde erneuert, um zu bewahren, was ihn seit 200 Jahren ausmacht. Er wurde erneuert, damit er auch in kommenden Generationen Heimat sein kann", sagte Bundeskanzler Christian Stocker in seiner Ansprache bei der Wiederöffnung des Wiener Stadttempels.

Erneuerung bedeute jedoch nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder sie hinter sich zu lassen. Sie bedeute, aus ihr Zukunft entstehen zu lassen. Der Wiener Stadttempel befinde sich seit 1826 im Herzen Wiens und sei seitdem das spirituelle Zentrum der jüdischen Gemeinde. Seine Geschichte sei untrennbar mit der Geschichte Österreichs verbunden.

"Dieser Tempel hat Zeiten des Aufbruchs erlebt, Zeiten, in denen jüdisches Leben diese Stadt und dieses Land kulturell, wirtschaftlich, wissenschaftlich und gesellschaftlich entscheidend mitgeprägt haben. Aber er hat auch die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte erlebt. Der Stadttempel überstand als einzige größere Wiener Synagoge die Novemberpogrome. Dass dieses Haus heute noch besteht, macht es zu einem einzigartigen Kulturgut und zu einem bleibenden historischen Zeugnis", so der Kanzler, der sich bei allen bedankte, die einen Beitrag zur Restaurierung geleistet haben.

Blühende jüdische Gemeinde als "stärkste Antwort auf Antisemitismus"

Verantwortung dürfe sich niemals nur im Blick zurück erschöpfen, führte Christian Stocker weiter aus. Die "stärkste Antwort auf Antisemitismus" sei nicht allein die Erinnerung an das, was zerstört wurde. Die stärkste Antwort sei das, was weiterlebe: eine Synagoge voller Menschen, eine Gemeinde voller Leben und eine jüdische Gemeinschaft, die aus voller Überzeugung sage: "Wir sind hier, wir gehören hierher. Und wir haben hier eine Zukunft".

"Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Jüdinnen und Juden in Österreich sicher, sichtbar und selbstverständlich jüdisch leben können. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offener auftritt, ist das leider keine Selbstverständlichkeit. Ich wünsche allen Menschen, die diesen besonderen Ort besuchen werden, dass dieses Haus auch in kommenden Jahrzehnten das bleibt, was es seit 200 Jahren ist: ein Ort des Glaubens, ein Ort der Gemeinschaft und ein lebendiger Teil Österreichs. Schana tova", betonte der Kanzler abschließend.