Bundesministerin Claudia Bauer über Zivildienst: "Steigende Nachfrage trifft auf sinkendes Angebot"

Pressekonferenz zu den Herausforderungen des Zivildienstes

Zivildienstministerin Claudia Bauer stellte bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe, und Peter Kaiser, stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, die demografischen und strukturellen Rahmenbedingungen des Zivildienstes in den Mittelpunkt. Im Hinblick auf den Bericht der Wehrdienstkommission warnte sie vor einer reinen Laufzeitdebatte: "Die Frage, wie lange der Dienst dauern soll, ist legitim – aber sie greift zu kurz." Angesichts der geänderten Sicherheitslage und gesellschaftlicher Entwicklungen brauche es "eine Weiterentwicklung von Grundwehr- und Zivildienst", die den tatsächlichen Bedarf abbildet.

Systemrelevanz und Demografie

Bauer betonte: "Der Zivildienst ist eine tragende Säule unseres Gesundheits- und Sozialsystems und unverzichtbar für die zivile Landesverteidigung." Im Vorjahr leisteten fast 15.000 Zivildiener ihren Dienst. Demografisch zeige sich eine zunehmende Schere infolge des Geburtenrückgangs: Während in den Jahrgängen der heutigen Zivildiener noch rund 34.000 Burschen geboren wurden, seien es zuletzt nur noch etwa 30.000 gewesen. Rein rechnerisch stünden damit in 18 Jahren "nur noch rund 13.000 Zivildiener", rund 2.000 weniger als heute, zur Verfügung, während der Bedarf der Einrichtungen in den letzten 20 Jahren von 13.000 auf mehr als 16.000 angestiegen sei. "Steigende Nachfrage trifft auf sinkendes Angebot. Wenn wir nicht gegensteuern, droht das System aus dem Gleichgewicht zu geraten", sagte Bauer.

Dienstdauer mit Maß, Qualifikationen mit Mehrwert

Zur diskutierten Verlängerung betonte die Ministerin, dass eine längere Dienstdauer nicht automatisch besser sei, der gesellschaftliche Nutzen jedoch mit zunehmender Einsatzdauer steige, da der volle Einsatz erst nach mehreren Monaten erreicht werde. Der jährliche Nutzen des Zivildienstes betrage rund 1,8 Milliarden Euro, der Nettomehrwert etwa 1,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig brauche es Planbarkeit: "12 Monate sind für mich die Obergrenze."

Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte dürfe nicht die bloße Dauer, sondern die qualitative Ausgestaltung des Dienstes stehen. Entscheidend sei, den Zivildienst sinnvoll zu gestalten, mit mehr Ausbildung und klareren Befugnissen: "Im Rettungswesen ist die Sanitäter-Ausbildung Standard, in der Sozial- und Behindertenhilfe brauchen wir deutlich klarere Rahmenbedingungen, damit wir Zivildiener tatsächlich entlasten können." Besser ausgebildete Zivildiener würden die Betreuung verbessern und Fachkräfte spürbar unterstützen.

Bundesministerin Claudia Bauer gibt gemeinsam mit Philippe Narval, dem Generalsekretär der Lebenshilfe, und Peter Kaiser, dem stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, eine Pressekonferenz.

Rückhalt aus den Zivildiensteinrichtungen

Vor diesem Hintergrund unterstrichen auch die Vertreter der beiden größten Einsatzbereiche des Zivildienstes die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung.

Peter Kaiser vom Österreichischen Roten Kreuz, bezeichnete den Zivildienst als "wirkliches Herzensthema" seiner Organisation. Mehr als 4.000 junge Männer leisteten jährlich ihren Zivildienst beim Roten Kreuz, das damit die größte Trägerorganisation des Landes sei.

Eine Verlängerung des Zivildienstes auf maximal 12 Monate könne aus Sicht des Roten Kreuzes insbesondere die Qualität der Ausbildung weiter verbessern. "Je länger wir Zivildienstleistende formal in unseren Strukturen haben, umso mehr Möglichkeiten haben wir in der Aus-, Fort- und Weiterbildung", so Kaiser. Dadurch ließen sich Zivildiener stärker in die Abläufe von Einsatzorganisationen einbinden und die Aufwuchsfähigkeit von Hilfs- und Einsatzkräften in Krisen- und Katastrophenfällen weiter stärken.

Auch Philippe Narval von der Lebenshilfe begrüßte die Diskussion über eine Weiterentwicklung ausdrücklich. In der Begleitung von Menschen mit Behinderungen sei Beziehungskontinuität zentral: "Gerade in der Arbeit mit Menschen mit intellektueller und Mehrfachbehinderung ist es wichtig, dass sich die Gesichter nicht alle paar Monate ändern", betonte Narval. Eine längere Dienstdauer eröffne zudem neue Möglichkeiten der Qualifizierung: "Derzeit fehlt uns der zeitliche Rahmen für anerkannte Grundausbildungen. 12 Monate würden hier neue Chancen eröffnen – für die Qualität der Betreuung und für die Sensibilisierung junger Menschen."

Zum Abschluss verwies Bundesministerin Claudia Bauer auf die demografischen Realitäten: "Wir können nicht mehr junge Männer aus dem Hut zaubern. Deshalb müssen wir jetzt an den richtigen Stellschrauben drehen, damit wir den Zivildienst klug und zukunftsfähig weiterentwickeln."

Bilder von der Pressekonferenz sind über das Fotoservice des Bundeskanzleramts kostenfrei abrufbar.