Volle Erziehung in Österreich Gründe – Qualitätsentwicklung – Prävention
Ziel der vorliegenden Studie ist es, bundesländerübergreifend aktuelle Erkenntnisse zur vollen Erziehung in Österreich zu gewinnen. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Analyse der Gründe für die volle Erziehung, die Identifikation von Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Untersuchung von Qualitätsaspekten und Entwicklungsperspektiven.
Forschungsfragen
- Aus welchen primären und sekundären Gründen werden Kinder und Jugendliche in sozialpädagogischen Einrichtungen bzw. bei Pflegepersonen betreut?
- Welche fallbezogenen und gesellschaftlichen Risiko- und Schutzfaktoren sind für die Entstehung des Bedarfs an voller Erziehung von Bedeutung?
- Welche Qualitätsdimensionen sind im Zusammenhang mit der Entstehung und den Formen der vollen Erziehung zu berücksichtigen?
- Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich in der Praxis im Hinblick auf Verlauf und Stabilität der vollen Erziehung?
- Wie kann die Qualitätsentwicklung und Nachhaltigkeit im Prozess der vollen Erziehung gestärkt werden?
- Welche Präventionsmaßnahmen können dazu beitragen, die Notwendigkeit einer vollen Erziehung zu reduzieren und Kindern und Jugendlichen ein sicheres Aufwachsen in ihren Herkunftssystemen zu ermöglichen?
Ergebnisse
Zentral zeigt sich, dass Betreuungen in voller Erziehung in der Regel auf komplexe, über längere Zeit gewachsene Problemlagen in Familien zurückzuführen sind, in denen mehrere Belastungsfaktoren zusammenwirken. Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, wie stark gesellschaftliche Entwicklungen die Kinder- und Jugendhilfe prägen und zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen.
Veränderungen in Familien- und Care-Strukturen, steigende normative Erwartungen an Elternschaft, zunehmende sozioökonomische Ungleichheiten sowie die wachsende Bedeutung digitaler Medien prägen die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Auch Migration und gesellschaftliche Pluralisierung tragen zu einer erhöhten Komplexität bei. Diese Dynamiken stellen neue Anforderungen an die Kinder- und Jugendhilfe und erfordern eine kontinuierliche Anpassung ihrer Angebote und Arbeitsweisen.
Im Bereich der Qualitätsentwicklung wird insbesondere ein Spannungsfeld zwischen hohen fachlichen Ansprüchen und begrenzten strukturellen Rahmenbedingungen sichtbar.
Deutlich wird, dass präventive Maßnahmen sowohl auf gesellschaftlich-struktureller Ebene als auch innerhalb des Leistungssystems ansetzen müssen. Frühzeitige, niedrigschwellige Unterstützungsangebote, eine bessere personelle Ausstattung sowie eine stärkere Vernetzung relevanter Personen werden als wesentliche Voraussetzungen benannt. Gleichzeitig zeigt sich, dass präventive Ansätze häufig strukturell unzureichend abgesichert sind und im Spannungsfeld zwischen langfristigen Wirkungen und kurzfristigen Steuerungslogiken stehen.
Schlussfolgerungen
Aus den Ergebnissen lassen sich zentrale Herausforderungen für die zukünftige Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe ableiten. Eine wesentliche Voraussetzung ist die Etablierung einer nachhaltigen Anerkennungskultur für Fachkräfte, die unter anspruchsvollen Bedingungen arbeiten und im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen agieren. Darüber hinaus bedarf es kontinuierlicher professioneller Weiterentwicklungen, etwa im Hinblick auf partizipative und transparente Arbeitsweisen sowie den Ausbau der Elternarbeit. Gleichzeitig zeigt sich ein Bedarf an stärkerer Standardisierung fachlicher Verfahren sowie an einer bundesländerübergreifenden Abstimmung zentraler Strukturen und Datengrundlagen. Innovationen eröffnen neue Möglichkeiten, erfordern jedoch geeignete Rahmenbedingungen und Ressourcen. Schließlich kommt der Kinder- und Jugendhilfe auch eine wichtige Rolle dabei zu, gesellschaftliche Problemlagen sichtbar zu machen und Impulse für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Familien zu geben.
Weiterführende Informationen
Studie "Volle Erziehung in Österreich" 2026 (nicht barrierefrei) (PDF, 2 MB)
Kontakt
Abteilung Kinder- und Jugendhilfe
E-Mail: kjh@bka.gv.at