Rede von Bundeskanzler Christian Stocker zum Nationalfeiertag

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, 
geschätzte Kolleginnen und Kollegen der Bundesregierung, 
sehr geehrter Herr Bürgermeister, 
sehr geehrte Präsidenten des Nationalrates, 
sehr geehrte Herr Generalsstabschef, 
sehr geehrte Angehörige des österreichischen Bundesheeres, 
liebe Rekrutinnen und Rekruten, sowie deren Angehörige, 
liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Der 26. Oktober ist mehr als ein Feiertag. 
Er ist ein Tag, an dem uns bewusst wird, was für ein besonderes Land wir unser Zuhause nennen dürfen.

Vor mehr als 70 Jahren hat Österreich nach schweren Jahren das zurückbekommen, wonach sich die Menschen so lange gesehnt haben: Seine Freiheit. 
Davor lagen Krieg und Zerstörung, Leid und Elend und ein Jahrzehnt der Besatzung, bis die Österreicherinnen und Österreicher wieder Herr im eigenen Haus wurden.

Österreich war tatsächlich ein vielgeprüftes Land, wie es auch in unserer Bundeshymne heißt. 
Und trotzdem haben die Menschen damals nicht nur zurückgeblickt, sie haben nach vorne geschaut und damit begonnen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Aus Österreich ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Land geworden, das wir durchaus selbstbewusst und auch dankbar unser Zuhause nennen können. 
Ein Land mit einer starken Demokratie, mit Wohlstand und Zusammenhalt, mit einer unverwechselbaren Kultur, mit Menschen, die sich engagieren, Verantwortung tragen und füreinander da sind. 
Ein Land, das nicht in jeder Hinsicht perfekt ist, aber in vielerlei Hinsicht großartig.

Heute vor 71 Jahren hat der Nationalrat das Neutralitätsgesetz beschlossen. 
1955 hat Österreich damit eine weitreichende Entscheidung getroffen. Wir sind militärisch neutral. 
Diese Entscheidung hat unser Land geprägt. Und sie prägt unser Land bis heute.

Aber mit der Neutralität war von Anfang an auch immer ein klarer Auftrag verbunden. 
Dass wir unsere Neutralität aufrechterhalten und verteidigen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln, wie es auch im Neutralitätsgesetz vom 26. Oktober 1955 heißt.

Neutralität hat nie bedeutet, dass andere für unsere Sicherheit sorgen, dass wir uns zurücklehnen und uns auf andere verlassen können. 
Sie bedeutet, dass Österreich selbst Verantwortung übernimmt, dass wir bereit sind, für unsere Freiheit einzustehen, bereit sind, unser Land, die Menschen in unserem Land und unsere Werte zu verteidigen und dafür alle zu Gebote stehenden Mittel ideell und materiell aufzuwenden. 

Und das gilt heute ganz besonders. 
Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. 
Und mit ihm einmal mehr die Erkenntnis, dass wir keine Insel der Seligen sind, sofern wir das überhaupt jemals waren.

Die Bedrohungen haben sich verändert und auch vervielfältigt. 
Sie reichen vom hybriden Angriff und Cyberattacken bis hin zu Gefahren für unsere kritische Infrastruktur und Beeinflussung unserer Gesellschaft und Demokratie durch Desinformation und Destabilisierung. 
Und sie stellen uns auch in der Krisen- und Katastrophenvorsorge vor ganz neue Herausforderungen. 

All das zeigt uns, dass Frieden und Sicherheit in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr sind. 
Diese Realität verlangt eine klare Antwort. 
Österreich muss wieder selbst Verantwortung für seine Sicherheit übernehmen. 

Ein neutrales Österreich muss immer auch ein wehrhaftes sein. 
Deshalb stärken wir unser Bundesheer durch Investitionen. 
Deshalb entwickeln wir unseren Wehrdienst weiter. 
Weil wir den Frieden bewahren wollen, auf dem so vieles aufgebaut ist, was wir unseren Kindern einmal mitgeben wollen. 
Weil wir dieses freie und selbstbestimmte Österreich lieben.

Und ein Wort zu allen, die heute ihr Gelöbnis leisten werden: Ich bin sicher, dass Sie diesen Tag immer in Erinnerung behalten werden. 
Und ich wünsche Ihnen, dass Sie ihn in guter und schöner Erinnerung behalten. So, wie auch die Zeit, die vor Ihnen liegt. 
Dass es eine Zeit der Bereicherung in Ihrem Leben ist, an die Sie gerne zurückdenken an viele Begegnungen und vielleicht Freundschaften, die Sie schließen werden. 
Und es ist mir ein persönliches Bedürfnis, Ihnen Danke zu sagen für den Dienst an unserer Republik.

Meine sehr geschätzten Damen und Herren, für mich bedeutet Patriotismus, zu schätzen und zu bewahren, was frühere Generationen aufgebaut haben. 
Aber auch Verantwortung dafür zu übernehmen, welches Österreich wir der nächsten Generation hinterlassen werden.

Politik für die nächste Generation zu machen, ist mir als Bundeskanzler ein echtes Herzensanliegen. 
Ich möchte, dass unsere Kinder und Enkelkinder in einem sicheren und freien Land aufwachsen, in dem sie sich aus eigener Kraft etwas aufbauen können und ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. 
In dem Rechte geschützt werden, aber auch Pflichten eingefordert werden.

Österreich soll ein Land sein, das frei ist, das sicher ist und das zusammenhält, das seine Geschichte kennt und seine Zukunft gestaltet. 
Vor allem aber ein Land, das seine beste Zeit vor sich hat. 
Und ich nehme noch einmal eine Anleihe an unserer Bundeshymne. 
Für ein Österreich, das zukunftsfroh und mutig in die neuen Zeiten geht.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nationalfeiertag.

Es lebe die Republik Österreich!