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Rede bei der Gedenkmatinee anlässlich der Novemberpogrome 

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor allem aber, sehr geehrte Überlebende,

Die abscheulichen Gräueltaten und Verbrechen, die vor 81 Jahren, in der Nacht von 9. auf 10. November, in Deutschland und Österreich begangen wurden, machen uns bis heute zu recht beschämt und betroffen.

Österreich hat sich zu lange selbst ausschließlich als Opfer des Nationalsozialismus betrachtet.

Zu Viele standen aber im März 1938 am Heldenplatz und haben mitgejubelt.
Zu Viele haben zugeschaut und mitgemacht, als ihre Mitmenschen beraubt, vertrieben und ermordet wurden. Wir haben zu lange weggesehen, bis wir uns der Täterrolle und unserer daraus wachsenden historischen Verantwortung bewusst geworden sind.

Erstmals bekannte sich Altkanzler Franz Vranitzky 1991 bei seiner Rede an der Hebräischen Universität Jerusalem zur historischen Verantwortung Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus:
"Wir anerkennen kollektive Verantwortung, Verantwortung für jeden von uns, sich zu erinnern und Gerechtigkeit zu suchen", so seine Worte damals.

Es reicht jedoch nicht, sich der Verantwortung für Taten bewusst zu sein. Wir müssen uns auch der Verantwortung für Unterlassungen bewusst sein. Wir dürfen nicht schweigen, wenn antisemitisch motivierte Gewalttaten auf europäischem Boden begangen werden. Wir dürfen es nicht hinnehmen, wenn in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein barbarischer Anschlag verübt wird. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn sich mehr und mehr Jüdinnen und Juden in Europa unsicher fühlen.

Der ehemalige französische Staatspräsident Jacques Chirac erklärte zu Recht:
"Antisemitismus ist keine Meinung.
Er ist eine Perversion. Eine Perversion, die tötet."

Umso mehr ist unsere Aufgabe, jüdisches Leben in Österreich und in Europa aktiv zu schützen sowie klar und ohne Wenn und Aber gegen jede Form von Antisemitismus aufzutreten. Dabei darf es keine falschen Kompromisse oder falsche Scheu geben. Unsere historische Verantwortung endet dabei weder an der österreichischen, noch an der europäischen Grenze. Unsere Verantwortung umfasst auch unser Verhältnis zum Staat Israel und zu seiner Sicherheit.

Sebastian Kurz hat es als Bundeskanzler bereits mit klaren Worten ausgedrückt:
Israels Sicherheit ist Staatsräson für Österreich.
Nur wenn Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt in Sicherheit und Freiheit leben können, kann aus einem "niemals vergessen" ein "nie mehr wieder" werden. Das unfassbare Leid der Shoah ist in seiner Ungeheuerlichkeit und Bestialität für uns kaum begreiflich. Man kann es erst durch Gespräche mit Überlebenden ansatzweise zu erfassen versuchen. Leider müssen wir uns aber eingestehen, dass unsere Generation wohl eine der letzten sein wird, die solche Begegnungen mit Zeitzeugen noch erleben darf.

Kürzlich ist leider mit Marko Feingold einer der besonders engagierten Zeitzeugen in Österreich von uns gegangen.

Wir tragen somit eine besondere Verantwortung, die Erinnerungen aus erster Hand zu bewahren und an die nächsten Generationen, zum Beispiel in Form von Tondokumenten oder Filmen, wie dem folgenden, weiterzugeben. Unsere historische Verantwortung bedeutet aber nicht nur ehrliches Gedenken an die Vergangenheit. Sie bedeutet auch aktives Handeln im Jetzt und in der Zukunft.

Deshalb freut es mich besonders, dass der österreichische Nationalrat kürzlich eine Gesetzesnovelle beschlossen hat, die es Nachkommen von österreichischen Opfern der Shoah ermöglicht, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Ich hoffe, dass mit dieser Entscheidung und mit seiner lebendigen Gedenkkultur Österreich seiner historischen Verantwortung ein kleines Stück gerechter wird.

Ich danke Ihnen.