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Rede anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur 2019

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
Sehr geehrter Michel Houellebecq,
sehr geehrte Frau Li!
Werte Mitglieder der Jury,
verehrte Fest- und Ehrengäste!

Monsieur Houellebecq!
Permettez-moi de m’adresser à vous en français et de commencer avec une petite anecdote:
Il y a quelques jours j’ai été avec mes enfants, qui sont moitié français, dans un taxi à Vienne. 
Pour avoir un peu d’espace privé, nous avons commencé à parler en français.
Soudainement le chauffeur de taxi se tourne vers nous en disant: Vous êtes des français, vous connaissez Michel Houellebecq?
Je dois avouer qu’il avait un léger problème de prononcer votre nom …

 
Mais il était tout enthousiasmé. 
Il connaissait tous vos œuvres et il sortait même de la boite à gants du taxi pour nous le montrer votre dernier livre «Serotonin» qui était visiblement utilisé. 
En même temps il était évidant qu’il avait aucune idée qui j’étais et que j’allais parler devant vous ici.  

Tout ça, pour vous dire que vous avec accompli quelque chose d’assez incroyable: vous êtes connue par les chauffeurs de taxi à Vienne!

Permettez-moi de continuer mon discours en allemand. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 
werte Ehrengäste!

Ich habe mit erlaubt, diese kleine Anekdote zu erzählen, da wir heuer eine ganz besondere schriftstellerische Persönlichkeit auszeichnen. Und das ist ja genau der Sinn und Zweck des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur! Seine Absicht war und ist es, nicht nur die Schöpfer bedeutender literarischer Werke zu würdigen.

Er sollte vor allem auch einen Beitrag zur kulturellen Verständigung, zum kulturellen Austausch in Europa zu leisten. Eine Zielsetzung, die nie ihre Gültigkeit verliert.

Als dieser Staatspreis 1965, vor mehr als einem halben Jahrhundert, gestiftet wurde, befand sich Europa mitten im Kalten Krieg – stand Österreich zwischen militärischen Blöcken und sich feindlich gegenüberstehenden politischen Ideologien.

Daher war mit diesem Staatspreis immer auch Hoffnung verbunden. Die Hoffnung auf einen kulturellen Dialog, darauf, mit unseren Nachbarn, hinter dem Eisernen Vorhang, wieder ins Gespräch zu kommen. Man könnte glauben, mit dem "annus mirabilis" 1989, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren, sei alles anders geworden. Die Grenzen schienen endgültig überwunden, und Europa schien endgültig zusammenzuwachsen.

Es schien als hätten wir den Wettlauf um das beste Lebensmodell und das erfolgreichste Wirtschaftsmodell gewonnen.

Wir dachten damals, dass sich die ganze Welt Europa annähern würde. Russland, Türkei und andere würden unsere Standards übernehmen. Die transatlantische Bande würde immer stärker werden. Und europäische Standards würden sich Schritt für Schritt zu globalen Standards entwickeln. Francis Fukuyama ging damals sogar so weit, von einem "End of History" zu sprechen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR würden sich die Prinzipien des Liberalismus, der Demokratie und der Marktwirtschaft überall durchsetzen, da sie als Ordnungsmodell den menschlichen Bedürfnissen am ehesten entsprächen.

Heute schaut die Welt etwas anders aus und unsere Bilanz fällt weit nüchterner aus. Rückwirkend wirkt unser Enthusiasmus vor 20 bis 30 Jahren fast schon etwas naiv. Russland und Türkei gehen ihre eigenen Wege, mit China ist ein neuer starker Konkurrent erwachsen und die transatlantische Einigkeit erscheint brüchig. Zugleich steht unser europäisches Lebensmodell im Inneren wie im Äußeren unter zunehmendem Druck und wird zum Teil sogar herausgefordert von anderen Gesellschaftsmodellen, die auf den ersten Blick scheinbar auch erfolgreich wirken. In einer solchen Umbruchsphase, in einer solchen Phase der Selbstreflexion, ja der Selbstzweifel, braucht es Vordenker und Mitdenker. Gewissermaßen Forensiker der Gesellschaft. Die uns auf ihre Art vor Augen führen, dass nichts selbstverständlich ist, dass keine Generation sich einfach ausruhen kann, sondern um den Erhalt ihrer Werte kämpfen muss. Gerade hier kommen Autoren wie Michel Houellebecq ins Spiel.

Autoren wie er legen den Finger auf die Wunde. Sie haben ein Gespür für die tektonischen Kontinentalbewegungen in unseren Gesellschaften. Sie ergründen mit chirurgischer Präzision die seismografischen Bruchlinien, die andere nur diffus erahnen. 
Nicht alles, was Michel Houellebecq schreibt, gefällt. Aber das soll es ja auch nicht. Es soll zum Nachdenken, zur Reflexion und Selbstreflexion anregen. Unerbittlich, klar, kompromisslos, nüchtern und manchmal ernüchternd nimmt sich Michel Houellebecq in seinen Romanen und Essays jener Themen an, die uns bewegen. Themen wie Biotechnologie, der Traum vom ewigen Leben, politischer Radikalismus und Terror, Erotik und Massentourismus, die Auswirkungen von Turbokapitalismus, Entsolidarisierung und Vereinzelung.
Seine Werke haben wesentlich zur Erweiterung unserer literarischen Weltwahrnehmung beigetragen. Und immer umweht den Autor dabei ein veritabler Skandal, wenn er ein neues Buch auf den Markt bringt.

Denn Michel Houellebecq ist ein Schriftsteller, der niemanden kalt lässt, ein Romancier, der uns bewegt und zur Auseinandersetzung zwingt. Er ist ein Autor, der es versteht, gesellschaftliche Debatten vom Zaun zu brechen. Wäre dies sein einziges Verdienst, in seinen Romanen unsere Gegenwart zur Kenntlichkeit überspitzt, übertrieben und zu Ende gedacht zu haben, so hätte er allein dafür diesen Preis mehr als verdient.

Cher Monsieur,
C’est un honneur de vous remettre le prix d’Etat Autrichien de littérature européenne de 2019.
Je vous félicite chaleureusement!