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Rede anlässlich der Eröffnung der Bregenzer Festspiele

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
werte Ehrengäste,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich erinnere mich sehr gut, sehr geehrter Herr Bundespräsident, als wir Ende Mai, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Bierlein, unser erstes Gespräch im Zuge der Bildung der geschäftsführenden Bundesregierung hatten. 
Damals haben Sie mir beim Ausdämpfen einer Zigarette etwas verschmitzt lächelnd erklärt – "no, dann werden wir eben gemeinsam Bregenz eröffnen". 
Ich habe damals weniger gelächelt. Denn das war der Augenblick, als mir endgültig dämmerte, dass mein Portfolio im Kanzleramt und im Außenministerium doch einige Überraschungen mit sich bringt. 
Aber wie heißt es so schön: Das Leben ist immer für eine Überraschung gut!
Dass ich heute hier vor Ihnen stehen darf, das hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht gedacht. Und ich empfinde das als besondere Ehre und Auszeichnung.

Meine Damen und Herren,
die Bregenzer Festspiele sind für uns alle etwas ganz Besonderes – und das zu Recht! Was 1946 als "Spiel auf dem See" begann, ist heute die größte Seebühne der Welt. Eine Bühne, auf der die klassische Oper genauso ganz zu Hause ist wie das moderne Theater. Eine Bühne, die längst zur künstlerischen Visitenkarte Österreichs in der ganzen Welt geworden ist. Daher an dieser Stelle vor allem ein großes Danke an all die Väter und Mütter dieser großen und erfolgreichen Tradition.
Besonderer Dank gebührt heuer dem Präsidenten der Bregenzer Festspiele Hans-Peter Metzler, der Intendantin Elisabeth Sobotka, dem kaufmännischen Direktor Michael Diem, den vielen Künstlerinnen und Künstler sowie den Menschen auf und hinter der Bühne, die diesen schönen Festspielsommer in Bregenz ermöglichen!

Für mich persönlich sind solche Festspiele stets wie eine Oase. Eine Oase, die uns Gäste und Zuschauer einlädt, ein wenig zu rasten und auszusteigen aus dem Lärm und dem Trubel des Alltags. Und gleichermaßen laden diese Momente auch ein, aufzutanken und sich inspirieren zu lassen. Im besten Sinne des Wortes vom Subjekt zum Objekt zu werden, gewissermaßen zum Resonanzkörper zu werden durch die Kunst - für die Kunst.
José Ortega y Gasset hat das sehr schön formuliert: "Es la obra de arte una isla imaginaria que flota rodeada de realidad por todas partes", "Das Kunstwerk ist eine imaginäre Insel, die rings von Wirklichkeit umbrandet ist".

Und so habe ich es immer wieder erlebt, dass man nach kurzer Zeit bei einem herausragenden Festspielreigen, wie hier in Bregenz, ganz erfrischt und gleichsam mit Neuem erfüllt zurückkehrt. Aus dem Blickwinkel eines Diplomaten sind Festspiele wie diese eigentlich fast wie große multilaterale Zusammenkünfte. Menschen aus allen Ecken und Enden der Welt, mit den unterschiedlichsten Hintergründen kommen für einige Tage zusammen, lernen sich kennen, tauschen sich aus. Und um den Vergleich weiterzuspinnen: Wie bei einer multilateralen diplomatischen Konferenz könnte man den Eindruck gewinnen, dass es auch im Kulturbetrieb mitunter um Posten geht, um Geld, um Machtstrukturen und um das Spiel "wer kennt wen".

Aber hier wie da, darf man nie den Blick aufs Ganze verlieren: Wie es in der Diplomatie darum geht, Konflikte zu bereinigen, Dialog herzustellen und den friedlichen Interessensausgleich zwischen Nationen sicherzustellen, so geht es in der Kunst, um die Ermöglichung des Schönen, um das Schöpferische und um die Sicherstellung ihrer eigenen Freiheit durch Abgrenzung, Disruption und manchmal auch Verstörung. Es gibt aber einen gewichtigen Unterschied zwischen multilateralen Konferenzen und internationalen Festspielen: Bei Festspielen kann man nach getaner Arbeit ein Kunstwerk genießen. Das ist einem in diplomatischen Konferenz kaum je vergönnt … Ich kann nur sagen: Beides probiert, kein Vergleich!

Neben ihrem Charakter als internationale Oasen, sind solche Festspiele zugleich immer auch ein Ort der Selbstvergewisserung, der Selbstvergewisserung, dass es auf diesem Kontinent etwas Gemeinsames, etwas Verbindendes gibt. Nämlich die Kunst. Dazu gehören gerade auch historisch überragende Stoffe wie Cervantes‘ Don Quichotte, den wir auf diesem Festspiel in Bregenz gleich zweimal genießen können. Es ist ein Stoff, der fasziniert, der nur auf den ersten Blick schlicht erscheint, der immer wieder aufs Neue begeistern kann. Den man mit 14 anders liest, als mit 30 oder 50. Dieser große Stoff berührt uns. Vielleicht, weil man sich, da und dort, ein wenig ertappt und erkannt fühlt. Und weil man sich wiedererkennen kann. In diesem Panoptikum an unterschiedlichen Charakteren, in der Abfolge aus scheinbaren Erfolgen und herben Rückschlägen. Und wenn uns Don Quijote an eine Sache erinnert, dann daran, dass nicht alle unsere Kämpfe gleichermaßen sinnvoll sind. Das ist heute so aktuell denn je. Wir erleben das jeden Tag im öffentlichen Diskurs, in den vorprogrammierten Aufregern, in der anhaltenden Empörung und in der steigenden Aggression. Die sprichwörtlichen Windmühlen des Don Quichotte, das sind heute wohl auch diese allzu oft hassfüllten Debatten im öffentlichen Raum, in den sozialen Medien. Wo der eine den anderen ausrichtet, immer noch zynischer und noch hämischer. Um vielleicht ein paar Likes und Retweets zu sammeln. Am Ende droht das auf der Strecke zu bleiben, was uns am teuersten sein sollte: Die Suche nach Wahrheit. Der Blick für das Gemeinsame, für das Einigende. Die Toleranz. Und der Respekt vor unserem Nächsten. Egal ob online oder offline, egal ob wir der gleichen Meinung sind, oder uns ideologische Welten trennen.
Es wäre schön, wenn uns Don Quichotte auf seine Art und Weise daran erinnern würde.
Hier in Bregenz.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.