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Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz zu 75 Jahre Republik Österreich

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher! 

Heute vor 75 Jahren wurde unsere Republik Österreich wiedererrichtet. Und zu diesem Jubiläum dürfen wir auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Aus einem schwachen und zerrütteten Österreich, das 2 Weltkriege durchleben musste, ist ein starkes und wohlhabendes Land geworden. 

Eine Demokratie, die auf Rechtsstaatlichkeit und Freiheit baut – im Herzen der Europäischen Union. Für dieses große Erbe dürfen wir alle dankbar sein. Vor allem der Nachkriegsgeneration – all jenen Menschen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben. 

Wir erinnern uns an die Gründungsväter wie Leopold Figl. An große Gestalter wie Bruno Kreisky. Und an Vordenker wie Alois Mock. 

Auf ihren Schultern und den Schultern vieler anderer stehen wir alle, um die Erfolgsgeschichte Österreichs gemeinsam weiterzuschreiben. 

Wir feiern dieses heutige Jubiläum in keiner gewöhnlichen Zeit. Es ist eine Zeit der Krise, und uns allen ist nicht wirklich zum Feiern zu Mute. Das Corona-Virus stellt uns vor eine große Herausforderung. Aber die Geschichte der Zweiten Republik, die zeigt uns, dass es immer wieder ein Auf und Ab gegeben hat. Phasen des Aufschwungs und des Friedens waren immer wieder jäh unterbrochen durch Wirtschafts- und Finanzkrisen, Naturkatastrophen und gewaltsame Konflikte – auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Aber wir sind als Österreich und als europäische Staatengemeinschaft aus all diesen Krisen gestärkt hervorgegangen. 

Und so wird es auch diesmal sein, da bin ich mir sicher.  

Liebe Österreicherinnen und Österreicher! 

Unser Land hat die Corona-Krise bisher, Gott sei Dank, gut gemeistert. Gemeinsam konnten wir die Infektionskurve abflachen. Von fast 1.000 Neuinfizierten pro Tag im März auf weniger als 100 am Tag in der letzten Woche. Das ist ein erster und wichtiger Meilenstein. Und dieser Erfolg soll uns nicht stolz machen, aber wir dürfen – ja, wir dürfen uns sehr wohl darüber freuen. Und vor allem müssen wir auch dankbar sein, dass uns eine Entwicklung wie in Italien, Frankreich oder Spanien erspart geblieben ist. 

Ich möchte daher heute allen danken, die das möglich gemacht haben. Den Mitgliedern der Bundesregierung, den Parlamentsparteien, den Sozialpartnern und den Bundesländern. 

Und ich möchte heute auch allen danken, die in den vergangenen Wochen und Monaten in der kritischen Infrastruktur gearbeitet haben – in den Krankenanstalten, bei Polizei und Heer, in der Energie- und Wasserversorgung, in der Landwirtschaft, den Apotheken, den Supermärkten und in vielen anderen Bereichen, den Glaubensgemeinschaften dafür, dass sie über Ostern auf gemeinsame Feiern verzichtet haben. 

Und ich danke allen Menschen, die in Österreich leben dafür, dass sie die Maßnahmen mitgetragen haben. Ich weiß, das alles war und ist nicht einfach. 

Für uns alle ist es schmerzhaft, wenn man Freunde und Familie nicht sehen kann. In meiner eigenen Familie ist es nicht anders.  

Am Anfang da war es noch ganz okay, über Handy und Video in Kontakt zu bleiben. Aber mit der Zeit da wird es schwer, die eigenen Eltern, die eigene Oma und andere Menschen, die einem wichtig sind, nicht in die Arme schließen zu können. 

Besonders für all jene, die alleine leben oder die in Pflegeheimen leben, ist es furchtbar schwierig, wenn sie nicht von ihren Kindern und Enkeln besucht werden können. 

Und dann gibt es sehr viele Menschen, auch in meinem unmittelbaren Freundeskreis, in meiner Verwandtschaft, die zeitlebens hart gearbeitet haben, die gesund sind und auch arbeiten wollen, aber die nun in vielen Fällen in Kurzarbeit sind oder sogar ihre Arbeit verloren haben. 

Und natürlich: Es gibt viele Familien, denen es schwer zu schaffen macht, die Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Gerade viele Alleinerziehende bringt all das an ihre Grenzen. 

Und, sehr geehrte Damen und Herren, ich kann Ihnen heute nicht versprechen, dass von heute auf morgen alles so sein wird, wie es einmal war. Ich kann Ihnen auch nicht versprechen, dass die nächsten Monate einfach werden. 

Aber ich möchte Ihnen heute schon eines versprechen: Genauso wie wir von Anfang an rasch und konsequent gehandelt haben, um das Virus einzudämmen, genauso werden wir auch jetzt alles tun, um so schnell als möglich unsere Freiheit zurückzugewinnen. 

Wir befinden uns bereits – als eines der ersten Länder Europas – auf dem Weg der Wiedereröffnung unserer Wirtschaft und unseres gesellschaftlichen Lebens. Schritt für Schritt werden wir so viel Normalität wie möglich zurückgewinnen, aber auch die Infektionszahlen so niedrig halten, wie es nur irgendwie geht. 

Und unser Erfolg in der nächsten Phase – der Phase der Wiedereröffnung – der wird auch wieder vom Beitrag eines jeden Einzelnen abhängen. Und da die Regeln immer weniger werden und es vor allem auf eine Sache ankommt: nämlich die Eigenverantwortung. 

Je mehr jeder von uns, auch bei der Rückkehr in den Alltag, weiter Abstand hält, Mund-Nasen-Schutz trägt und auf die Hygiene achtet, desto rascher und unbeschadeter werden wir voranschreiten können. Und zwar alle gemeinsam – als Team Österreich. 

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Eine Zeit der Krise, wie wir sie jetzt gerade erleben, zeigt uns wieder einmal, was im Leben wirklich zählt: Gesundheit, Familie, Freunde und natürlich wirtschaftliche und soziale Sicherheit. 

Sie zeigt uns auch, dass unser Lebensmodell der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und des Wohlstands zwar stark, aber nicht unverwundbar ist. Und sie erinnert uns daran, dass wir alle – jede Generation – hart dafür arbeiten müssen, um dieses Lebensmodell weiter zu stärken und auch noch resilienter zu machen. 

Das ist unsere gemeinsame Aufgabe. 

In all diesen Zusammenhängen ist es die Corona-Pandemie, die längst die ganze Welt betrifft. Und die globale Wirtschaft steht vor der größten Rezession seit den 1930er Jahren. 

Österreich ist hier keine Ausnahme. Gerade als kleines exportorientiertes Land, mit einer großen Tourismus- und Kulturlandschaft sind wir natürlich besonders betroffen. 

Und an der aktuellen Lage, da gibt es auch gar nichts zu beschönigen. Es ist für uns alle furchtbar zu sehen, wie gesunde mittelständische Unternehmen unverschuldet in ihrer Existenz bedroht sind, wie langjährige Mitarbeiter gekündigt werden müssen. Gerade Gastronomie und Tourismus sind hier besonders betroffen. 

Aber auch andere, wie Ein-Personen-Unternehmer, Veranstalter und Kulturschaffende oder auch junge Gründer, die wissen heute oft nicht, wie sie weitermachen werden. Und auch, wenn unser gemeinsamer Feind, das Virus, nicht verschwinden wird, und wir die weltwirtschaftliche Situation als kleines Österreich kaum beeinflussen können, so versuchen wir in Österreich dennoch so gut es geht, zu unterstützen – mit Liquidität und Soforthilfe. 

Mehr als 14 Milliarden Euro sind bereits ausgezahlt worden und gerade, weil ich weiß, dass viele noch dringend auf Unterstützung warten, möchte ich heute auch betonen: Alle zuständigen Stellen arbeiten rund um die Uhr daran, dass die versprochene Hilfe auch überall dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Aber eins muss uns klar sein: Mit dieser Soforthilfe ist unser Weg des Wiederaufbaus noch lange nicht abgeschlossen – ganz im Gegenteil: Er hat gerade erst begonnen. 

Wir werden in diesem und in den kommenden Jahren alles daransetzen, um gemeinsam mit den mutigen Unternehmen und den fleißigen Mitarbeitern in Österreich den Wirtschaftsstandort zu seiner alten Stärke zurückzuführen. Wir sind als kleines exportorientiertes Land ein Stück abhängig von der globalen Wirtschaftslage. Aber dort, wo es in unserer Hand liegt, dort werden wir auch handeln. 

Wir werden unseren Weg der Entlastung, besonders für kleine und mittlere Gehälter, fortsetzen, verstärken und beschleunigen. Wir haben in der aktuellen Krise wieder gesehen, dass die Menschen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, nicht immer auch die sind, die den größten Bonus ausbezahlt bekommen. Egal ob Pflegepersonal, Sicherheitskräfte, Supermarktmitarbeiter oder viele andere. 

Wer hart arbeitet, der soll künftig auch mehr zum Leben haben. Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, aber in Zeiten wie diesen auch notwendig, um den Inlandskonsum wieder anzukurbeln. Und gleichzeitig werden wir national und auf europäischer Ebene gegen alle Formen der Steuerflucht und gegen ungerechte Steuermodelle großer Konzerne ankämpfen – denn jeder soll, gerade in einer Zeit wie dieser, seinen fairen Beitrag leisten. 

Darüber hinaus werden wir verstärkt investieren, wo immer es sinnvoll ist – vor allem in Digitalisierung, Ökologisierung und natürlich Bildung. Und wir werden das Leben und Wirtschaften für alle so einfach wie möglich machen – durch konsequente Deregulierung und die Abschaffung von allen unnötigen Regeln. 

Der Staat muss und wird es künftig den österreichischen Unternehmen so leicht wie noch nie zuvor machen, Arbeitsplätze zu schaffen und zu halten. 

Und schon diese Woche werden der Vizekanzler, mein Regierungsteam und ich die nächsten Maßnahmen in diesem Zusammenhang auf den Weg bringen. Das Ziel dabei ist klar: um jeden Arbeitsplatz in Österreich zu kämpfen. 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Österreicherinnen und Österreicher! 

Wir erleben alle gemeinsam eine schwere Zeit. Wir müssen die Ausbreitung des Corona-Virus weiterhin eindämmen und gleichzeitig unsere Wirtschaft wiederhochfahren. Selbst wenn wir heute gut dastehen, können wir alle – wie andere Länder auch – entlang des Weges nicht ausschließen, dass es zu einer zweiten Welle der Ansteckung kommen kann. 

Aber wir sind, Gott sei Dank, ein starkes Land. Und wir alle, wir Österreicherinnen und Österreicher, werden unseren bisher erfolgreichen Weg fortsetzen. Wenn es andere Länder schaffen können, dann wird es uns genauso gelingen. 

Heute, an diesem Tag, an dem wir 75 Jahre Zweite Republik feiern, können wir mit Stolz auf unser Land blicken und dankbar sein für all das, was in unserer Republik bisher erreicht wurde. 

Aber wir können auch mit Mut und Zuversicht vorausblicken auf all das, was wir noch gemeinsam erreichen können: Auf das Comeback für Österreich, an dem wir alle beteiligt sein werden. 

Vielen Dank und alles Gute!