Der Gebrauch von Cookies erlaubt uns Ihre Erfahrungen auf dieser Website zu optimieren. Wir verwenden Cookies zu Statistikzwecken und zur Qualitätssicherung. Durch Fortfahren auf unserer Website stimmen Sie dieser Verwendung zu. Erfahren Sie mehr.

Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus und des Endes des 2. Weltkrieges

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher!

Heute vor 75 Jahren hat der Zweite Weltkrieg in Europa sein Ende gefunden. Mit der vollständigen Kapitulation des Deutschen Reichs konnte eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte geschlossen werden. Die Folgen dieser fürchterlichen Zeit, die beschäftigen uns aber bis heute. So unbeschreiblich die Grausamkeit des Nationalsozialismus war, so notwendig sind die Lektionen, die wir aus dieser Zeit lernen müssen. Und auf unser Österreich trifft das besonders zu, denn wir haben diesen Krieg nicht nur durchlebt, sondern auch mitverantwortet.

Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, dann braucht es vor allem eines: eine Kultur der Erinnerung. Und so schwer es uns auch fällt, wir müssen uns die Gräueltaten des Nationalsozialismus vor Augen halten. Wir müssen uns daran erinnern, dass es auch Österreicher waren, die in den Reihen der Nationalsozialisten gekämpft, gefoltert und gemordet haben. Und dass es viele gab, die ihre Augen verschlossen haben vor dem Unrecht, das ihren Mitmenschen angetan wurde. 

Wir müssen uns auch an all die unschuldigen Opfer erinnern. Allen voran unsere jüdischen Mitbürger, die entrechtet, vertrieben und getötet wurden. 
Und wir müssen uns auch an alle anderen Opfer erinnern – Minderheiten, Andersdenkende und Widerstandskämpfer – die ebenso verfolgt und getötet wurden. Diese Erinnerung braucht es aber nicht etwa, um uns schuldig zu fühlen – denn die Menschen von heute, die sind für die Taten von gestern nicht verantwortlich. Aber es braucht diese Erinnerung, damit wir stets wachsam bleiben. 

Was in den 1930er und 1940er Jahren geschah, geschah nicht etwa, weil die Menschen damals anders waren, als wir es heute sind. Sondern es geschah, weil statt Mitmenschlichkeit der Hass herrschte. Weil statt Recht und Ordnung, Grausamkeit und Verfolgung galten. Und weil die Würde des einzelnen Menschen nicht mehr unantastbar war.

Wir können, sehr geehrte Damen und Herren, die Geschichte nicht ungeschehen machen und die Geschehnisse nicht wiedergutmachen. Aber wir müssen alles tun, dass sich die Geschichte nicht wiederholt – nicht in Österreich, nicht in Deutschland, und auch nirgendwo sonst auf der Welt. Wir müssen stets die Grundlagen unserer freien Gesellschaft schützen: Die Rechtsstaatlichkeit, die Demokratie, die Gewaltentrennung und die Medienfreiheit.

Und wir müssen gemeinsam gegen alle Formen des politischen Extremismus konsequent vorgehen – und zwar noch bevor sie Fuß fassen können. Das ist unsere historische Verantwortung. Und überall dort, wo es noch möglich ist, müssen wir alles daran setzen, um Versöhnung mit den Opfern des Holocaust zu finden. Ich durfte selbst, als Außenminister und als Bundeskanzler, mehrere Initiativen starten, um Holocaustüberlebende, die mittlerweile in den USA, in Israel, oder anderswo leben, nach Österreich zu bringen. Wir werden diese Projekte auch in Zukunft fortsetzen, so lange das nur irgendwie möglich ist. Denn es ist ein ganz besonderes Privileg, mit diesen Menschen sprechen zu dürfen – über ihr Leben, ihre Erinnerungen und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Wir sind – als jüngere Generation - eine der letzten Generationen, die diese Möglichkeit noch hat. Und es ist unsere Verantwortung, das Zeugnis dieser Menschen für die Nachwelt zu bewahren.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Auch wenn sich Österreich lange schwergetan hat, mit der eigenen Geschichte umzugehen, haben wir heute eine klare Haltung: Der Kampf gegen den Antisemitismus und gegen den Antizionismus ist Teil unserer Staatsraison geworden. Wir müssen alle gemeinsam stets darauf achten, dass dieser Hass – egal ob schon lange vorhanden oder neu importiert – nie wieder in unserem Land Fuß fassen kann. Wir sind froh über die vitale jüdische Gemeinde in Österreich und ich möchte allen Verantwortlichen, besonders Präsident Oskar Deutsch, danken. Mit geeinten Kräften müssen wir weiter dafür kämpfen, dass sich kein jüdischer Mitbürger auf unseren Straßen unsicher fühlt – und zwar egal wann und egal wo.

Und wir wollen diese Verantwortung auch über unsere Landesgrenzen hinaus wahrnehmen: Die Menschen in Israel, die sollen wissen, dass wir in Österreich an ihrer Seite stehen. Es wird in der Politik immer unterschiedliche Meinungen geben – auch in der Außenpolitik. Aber wir werden nie vergessen, auf welchen Schmerz die Gründung des Staates Israels baut. Und wir werden daher nie zögern, unsere historische Verantwortung wahrzunehmen und unseren Verbündeten in Israel unterstützend zur Seite zu stehen.

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs verpflichten uns, neben der Erinnerung und der Versöhnung vor allem auch dazu, das Friedensprojekt Europa mit aller Kraft zu stärken und zu unterstützen. Österreich ist, Gott sei Dank, seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, ein sicheres und wohlhabendes Land geworden – eine freie Demokratie im Herzen der Europäischen Union. Und es ist heute kaum vorstellbar – gerade für jüngere Menschen wie mich -, dass sich vor knapp 80 Jahren die Völker Europas noch im Krieg miteinander befanden. Aber wir sollten uns auch vor Augen führen, dass eine so lange Epoche des Friedens, wie wir sie derzeit in Europa erleben, historisch einzigartig ist. Und daher müssen wir, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern, alles daransetzen, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Die Europäische Union ist bestimmt die größte Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Aber auch an ihr müssen und werden wir stets arbeiten, um sie gut durch das 21. Jahrhundert zu führen.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Die Last unserer Geschichte, die kann uns immer wieder sprachlos machen. Aber die positive Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Österreich und in ganz Europa, die zeigt uns auch, dass der Friede dauerhaft sein kann, wenn wir Demokratie, Freiheit und die Würde eines jeden einzelnen Menschen schützen und hochhalten. Diese Werte werden auch für die Zukunft der richtige Kompass sein – sei es in Zeiten der Ruhe oder auch in Zeiten der Herausforderung.

Vielen Dank!