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Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz zum Gedenkjahr 2018

Geschätzter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Genau heute vor 80 Jahren erfolgte der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich. Damit begann die nationalsozialistische Terrorherrschaft in unserem Land. Und insbesondere für die jüdische Bevölkerung hat damals ein beispielloser Leidensweg begonnen, der uns bis heute beschämt und betroffen macht. Schon am Tag des Einmarsches wurden jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger Ziel von Verfolgung, Erniedrigung und Folter. Es war der Auftakt zu einem nie dagewesenen Verbrechen, zur Shoah.

18 Monate später stürzte dieses Regime Europa und die ganze Welt in die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, dem größten Verbrechen an der Menschlichkeit.

Wie viele von uns heute, kenne ich persönlich diese Zeit nur aus den Geschichtsbüchern. Und auch wenn man in den Geschichtsbüchern die Fakten, die Hintergründe über diese Zeit erfahren kann, so wird einem das Leid, das damals viele Menschen erlitten haben, erst im Gespräch mit Überlebenden bewusst. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Gespräch mit einem Überlebenden in meiner Schulzeit. Und so schmerzhaft es sich damals anfühlte, so schwierig es für uns alle war, das einzuordnen und zu verdauen, so wichtig war es dennoch für mich und meine Kollegen, um ein Gefühl zu bekommen für das Leid von so vielen Menschen, das damals erlitten wurde.

Erst in den letzten Jahren ist mir dann bewusst geworden, dass meine Generation wahrscheinlich eine der letzten Generationen ist, die überhaupt noch die Möglichkeit hat, solche Gespräche zu führen. Ich bin daher überzeugt davon, dass unsere Generation eine ganz besondere Verantwortung hat, genau hinzuhören, was war. Sich dieses Gehörte zu Herzen zu nehmen, und es auch an weitere Generationen weiterzugeben.

Tief beeindruckt hat mich dann eine spätere Begegnung mit Marko Feingold, geboren 1913 in Österreich-Ungarn, einem Teil, der heute zur Slowakei gehört. Ein Überlebender von Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Er feiert heuer seinen 105. Geburtstag ganz ohne Groll und Hass gegenüber unserem Österreich. Und ich bin froh, dass er mich eingeladen hat, und es ist eine Ehre für mich, diesen Geburtstag mit ihm zu feiern. So schmerzhaft und beschämend Begegnungen mit Überlebenden wie ihm immer wieder sein können, so viel kann man auch in diesen Gesprächen mitnehmen und lernen.

Mir ist aus all den Gesprächen, die ich in Österreich, den USA und Israel mit Überlebenden führen durfte, eines ganz besonders klar geworden: Jeder Mensch trägt nicht nur Verantwortung für das, was er tut, sondern vor allem auch für das, was er nicht tut. Und so sollten wir uns heute auch daran erinnern, dass es auch in Österreich viele Menschen gegeben hat, die nichts gegen den Nationalsozialismus unternommen haben, und es viel zu viele gegeben hat, die diese Schrecken sogar aktiv unterstützt haben.

Noch heute zeigen uns die Filmaufnahmen, die wir gerade gesehen haben, wie Frauen und Männer begeistert das NS-Regime aus innerer Überzeugung in Österreich willkommen geheißen haben. Österreich hat sich gerne als Opfer des Nationalsozialismus betrachtet. Und das stimmt mit Sicherheit für all jene, die im Widerstand gekämpft haben, denen wir gar nicht genug danken können, und die uns auch immer ein glühendes Vorbild sein werden.

Aber – und so ehrlich sollten wir auch sein – Opfer waren es keine, die im März 1938 in so großer Zahl auf dem Heldenplatz gestanden sind und jubelten. Opfer waren es keine, die zugeschaut und mitgemacht haben, als ihre Nachbarn beraubt, vertrieben und ermordet wurden. Und ehrliches Gedenken muss auch diese Dinge beim Namen nennen.

Viele Österreicherinnen und Österreicher haben damals ein System unterstützt, dem Menschen mit Behinderungen, Roma und Sinti, Homosexuelle, Menschen mit unterschiedlicher politischer Einstellung, Widerstandskämpfer und viele andere zum Opfer gefallen sind. Und vor allem aber hat dieses Regime über 60 000 jüdische Mitbürger ermordet und rund 130.000 aus ihrer österreichischen Heimat vertrieben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Österreich hat lange gebraucht, um sich seiner Vergangenheit offen und ehrlich zu stellen. Wir haben erkannt, dass Österreich nicht nur Opfer, sondern auch Täter war und dieser Erkenntnis auch konkrete Taten folgen lassen.

Doch wir müssen uns auch ehrlich eingestehen, dass Österreich zu lange weggesehen hat, und erst spät seiner historischen Verantwortung bewusst geworden ist. Die Mehrheit der über 100 000 vertriebenen Österreicherinnen und Österreicher wurden nach dem Krieg nicht zurückgeholt. Bestohlen und beraubt, waren sie hier in Österreich nicht mehr willkommen.

Viele der Vertriebenen blieben trotz all dem Leid, das sie erleben mussten, ihrer ehemaligen Heimat im Herzen verbunden. Einer von ihnen ist Kurt Tutter, der sich seit Jahren für ein Erinnerungsdenkmal engagiert, bei dem alle jüdischen Opfer der Shoah aus Österreich mit ihrem Namen verewigt werden sollen. Wir als Bundesregierung haben uns entschlossen, diese Errichtung eines solchen Erinnerungsortes zu unterstützen, damit den Überlebenden, den Nachkommen der Opfer, aber auch uns allen ein persönlicher Ort des Gedenkens geschaffen wird.

Wir haben es uns ganz besonders in diesem Gedenkjahr zur Aufgabe gemacht, uns unserer Vergangenheit zu stellen und uns auch an die dunklen Seiten unserer Geschichte zu erinnern – das NS-Regime, die Shoah und der Zweite Weltkrieg. Wir dürfen aber nicht beim Gedenken stehenbleiben. Wir müssen auch aus der Vergangenheit lernen. Und die wichtigste Lehre aus der Vergangenheit ist wahrscheinlich, dass wir aktiv unseren Rechtsstaat und unsere demokratischen Grundwerte schützen müssen und gegen jede Art von Extremismus und Intoleranz entschlossen ankämpfen müssen.

Es ist für mich persönlich als jungen Menschen unglaublich, dass es fast 100 Jahre nach der Shoah immer noch antisemitisches Gedankengut gibt. Und es ist daher unsere Aufgabe in Österreich, jüdisches Leben in unserem Land aktiv zu unterstützen und gegen jede Form des Antisemitismus anzukämpfen, ganz gleich, ob schon   lange vorhanden oder gerade frisch importiert. In Österreich darf es dafür keinen Platz geben.

Aber: Unsere historische Verantwortung endet meiner Meinung nach nicht an unseren Grenzen. Wir haben auch eine besondere Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel und dem Sicherheitsbedürfnis der Juden dort – vielleicht sogar mehr, als wir das in der Vergangenheit in Österreich gelebt haben. Denn nur wenn Juden uneingeschränkt in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben können, kann aus einem "Niemals vergessen" auch ein "Nie mehr wieder" werden.

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