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Rede des Bundeskanzlers Sebastian Kurz beim Global Engagement & Empowerment Forum on Sustainable Development in Seoul

Sehr geehrter Herr Generalsekretär Ban Ki-moon, sehr geehrter Herr Präsident Heinz Fischer, sehr geehrter Herr Präsident Kim Yong-hak, sehr geehrte Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren!

Vielen Dank für Ihre Einladung!

Es ist für mich eine Ehre, heute am Global Engagement and Empowerment Forum für nachhaltige Entwicklung hier an der Yonsei University teilzunehmen.

Und es freut mich sehr, dass wir mit dem Ban Ki-moon Center eine enge Partnerschaft zur Umsetzung der SDGs aufbauen konnten und dazu heute auch ein Memorandum of Understanding unterzeichnen werden.

Meine Damen und Herren!

Wir leben ohne Zweifel in Zeiten des Umbruchs, in denen sich die globale Ordnung rund um uns ändert. Mit China formiert sich eine neue Supermacht, die zur größten Volkswirtschaft der Welt heranwächst, aber doch ein anderes Gesellschaftsmodell lebt, als etwa die USA, Korea oder Europa. Gleichzeitig sind die Beziehungen der USA mit dem Rest der Welt unvorhersehbarer und stellenweise komplizierter geworden. Und die Spannungen zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn sind weiterhin nicht abgeklungen. Anhaltende Konflikte im Nahen Osten führen zu Gewalt, Not und Flucht. Die junge Bevölkerung Afrikas strebt nach Bildung und Berufschancen, die noch nicht alle Länder des Kontinents bieten können. Europa sieht sich anhaltenden Migrationsströmen ausgesetzt, die unsere Gemeinschaft auf die Probe stellen. Gleichzeitig wird unser wirtschaftlicher Wettbewerb immer globaler. Und der technologische Fortschritt wird immer schneller. Die rasante Veränderung ist somit mittlerweile unsere einzige Konstante.

Überall dort, wo es Veränderung gibt, brauchen wir Orientierung. Als Menschen, als Gesellschaften und als Staatengemeinschaften müssen wir uns immer wieder daran erinnern, wo wir letztlich hinwollen und was unsere Prioritäten sind, um auf die Veränderung um uns entsprechend reagieren zu können. Die Sustainable Development Goals sind für mich ein Kompass, der genau diese Orientierung sicherstellt.

Ich spreche heute zu Ihnen natürlich als Österreicher, aber vor allem als Europäer. Als Europäer der sich Gedanken macht, wie wir als Europäische Union heute wie morgen einen effektiven Beitrag leisten, um ein Erreichen der SDGs weltweit zu fördern. Dafür müssen wir auf unterschiedlichen Ebenen arbeiten:

  1. Wir müssen einen ganzheitlichen Blick auf unsere Ziele bewahren.
  2. Wir müssen auf internationale Zusammenarbeit bauen.
  3. Wir dürfen trotz Erfolg niemals träge werden.

1. Unsere Ziele

Ich bin überzeugt, dass jede Politik, die das Interesse der Menschen im Fokus hat, am Ende die gleichen Ziele verfolgt: Friede, Gerechtigkeit und Wohlstand. Friede, der es den Menschen ermöglicht, in Sicherheit und Freiheit zu leben. Gerechtigkeit, die bedeutet, dass jeder Mensch an Würde und Rechten gleich ist und auf den Rechtsstaat vertrauen kann. Wohlstand, der Gesundheit und Entfaltung ermöglicht, sowie ein soziales Netz für die Schwachen schafft.

Um diesen Zielen gerecht zu werden, müssen wir vieles miteinander vereinbaren. Wir müssen die Grundlagen dafür schaffen: Armut bekämpfen, Hunger beenden, sowie für Sicherheit und starke Institutionen sorgen. Wir müssen Chancen zur Entfaltung bieten – durch Bildung, Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit – an denen alle Bevölkerungsschichten teilhaben, Frauen wie Männer, alt wie jung. Und wir müssen auf unseren Planeten achten, respektvoll mit unserer Umwelt umgehen, sowie unsere Ressourcen und unser Klima schützen. Das Eine ohne das Andere kann langfristig nicht gutgehen. Der größte Wohlstand und wirtschaftliche Fortschritt hilft uns langfristig nur wenig, wenn wir entlang des Weges unseren Planeten ruinieren.

Die besten Universitäten helfen uns nichts, wenn Männer und Frauen nicht das gleiche Recht haben, an ihnen zu studieren. Und der größte technologische Fortschritt hilft uns nur wenig, wenn nicht alle Menschen gleichermaßen davon profitieren können. Hier sind die SDGs gerade deswegen ein so guter Kompass, weil sie einen ganzheitlichen Blick ermöglichen, auf all das was zählt. Fortschritt in nur ein, zwei oder wenigen Dimensionen wird uns nicht ans Ziel bringen, wird Friede, Gerechtigkeit und Wohlstand nicht nachhaltig sichern können. Und hier ist jedes Land, jede Gesellschaft für sich herausgefordert, stets an den richtigen Themen zu arbeiten.

In Österreich, zum Beispiel, haben wir bestimmt das Glück, dass wir bei den Grundlagen im Spitzenfeld sind. Hunger, absolute Armut und bewaffnete Konflikte liegen hinter uns. Und ich bin froh und dankbar, dass wir damit im SDG Index an 9. Stelle stehen. Aber wir haben uns auch das Ziel gesetzt, bis 2020 unter die Top 5 des SDG-Index zu kommen. Denn es gibt einige Bereiche, wo wir noch viel tun können und müssen. Wir müssen noch mehr tun, zum Beispiel, um Familie und Beruf, besonders für junge Frauen, vereinbar zu machen. Das ist eine Frage der Infrastruktur und der Einkommensgerechtigkeit.

Wir müssen mit Ressourcen sorgsam umgehen, und nicht zu einer Wegwerfgesellschaft werden, die den Komfort von heute gegen den Lebensraum von morgen eintauscht.

Und wir dürfen nicht den Fehler machen, mit politischen Antworten von gestern auf die Herausforderungen von heute zu reagieren. Unser Rechtsstaat, unsere starken Institutionen und klaren Regeln sind wichtige Säulen unseres Erfolgs. Gleichzeitig haben wir uns in der EU über die Jahre zu viel an Regeln und Bürokratie geschaffen. Darunter leidet die Freiheit und Selbstbestimmung des einzelnen Bürgers, und es hemmt auch unsere Innovationskraft. Hier müssen wir als Europa und Österreich gegensteuern, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit, und damit auch Wohlstand und Sozialstaat langfristig erhalten wollen. Auch das ist ein Beitrag zu den SDGs und zu unserer Verantwortung. Nur ein wirtschaftlich erfolgreiches Österreich, sowie ein wirtschaftlich erfolgreiches Europa werden auch künftig international einen starken Beitrag zur Realisierung der SDGs leisten können.

2. Internationale Zusammenarbeit

Darüber hinaus gibt es aber natürlich einige Bereiche, die internationale Zusammenarbeit brauchen, um etwas zu bewegen. Der Klimaschutz zum Beispiel. Wenn wir hier wirklichen Fortschritt machen und das Pariser Klimaabkommen erfüllen wollen, dann muss jeder Kontinent, jedes Land seinen fairen Beitrag leisten. Ich freue mich, dass wir dazu in Wien kommenden Mai wieder den R20 Austrian World Summit veranstalten können, gemeinsam mit Arnold Schwarzenegger und Führungskräften aus Politik und Wirtschaft.

Ich bin überzeugt, dass unser Erfolg im internationalen Kampf gegen den Klimawandel vor allem davon abhängig sein wird, wie sehr wir Innovation fördern und zulassen. Hier treffen sich die Interessen der Umwelt mit den Interessen der Wirtschaft. Und je mehr diese Zusammenarbeit grenzüberschreitend stattfindet, desto eher verbreiten sich die Innovationen, die wir brauchen auch rasch. Sei es in der Hydroenergie, in der Solarenergie, oder bei Batterien für E-Mobilität – in all diesen Bereichen setzen Innovationen aus Asien, den USA, Europa und anderen Regionen globale Impulse für Wettbewerb und Fortschritt. Ich als Österreicher bin selbst immer wieder stolz, wenn ich auf Reisen darauf angesprochen werde, wie Technologie aus Österreich dabei hilft, erneuerbare Energie in Afrika oder Asien zu fördern. Dies ist nicht nur für unser Klima wichtig, sondern auch eine Priorität der Entwicklungszusammenarbeit – ein weiterer Bereich in dem internationale Kooperation notwendig ist.

Im Dezember 2018 haben Präsident Paul Kagame und ich zu einem Afrika-EU Forum nach Wien geladen, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren Kontinenten zu stärken – besonders im Technologiebereich. Bereits bei unserem Forum war zu sehen, wie mehr als 1 000 Unternehmer von beiden Kontinenten die Chance nutzten, um Kontakte zu knüpfen und Kooperationen zu starten. Ich glaube, neben klassischer Entwicklungszusammenarbeit, ist das ein wichtiger Beitrag für die Zukunft: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmer grenzüberschreitend Innovationen vorantreiben und Jobs schaffen können.

3. Niemals träge

Bei all dem was es zu tun gibt, müssen wir uns aber auch darauf einstellen, dass es nicht einfach ist und wohl nie einfach sein wird. Der gesellschaftliche Fortschritt läuft nicht entlang einer geraden Linie, die stets nur nach oben geht. Nein, es gibt oft Rückschläge, Enttäuschungen und Konflikte. Auch heute sehen wir das deutlich. Wenn einzelne Länder ihren Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel in Frage stellen, schadet uns das allen. Wenn geopolitische Spannungen zunehmen und statt Abrüstung wieder mit Aufrüstung geliebäugelt wird, bedroht uns das alle. Und wenn in Konfliktregionen im Nahen Osten oder in Zentralafrika eine Generation an Kindern heranwächst, die statt Bildung vorwiegend Gewalt erfährt, betrifft uns das alle. All das kann uns nicht freuen, aber es soll uns auch nicht verzagen lassen. Es soll uns vor allem anspornen, überall dort, wo wir können, noch mehr zu tun und noch härter zu arbeiten. Denn trotz der Höhen und Tiefen, der Erfolge und Rückschläge, ist unsere Menschheitsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte eine große Erfolgsgeschichte. Der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, hat sich seit 1990 mehr als halbiert – dank dem globalen Wirtschaftswachstum.

Schlimme Krankheiten wie etwa die Kinderlähmung stehen knapp davor auszusterben, dank internationaler Impfaktionen. Die globale Zahl der Toten durch Krieg und Gewalt sinkt seit dem Zweiten Weltkrieg, Gott sei Dank, kontinuierlich. Es gibt natürlich weiterhin sehr viel zu tun, und jeder Einzelne kann stets nur einen kleinen Teil beitragen. Aber wir sind auf einem richtigen Weg und dürfen niemals nachlassen.

Es ist mir hierbei ein besonderes Anliegen, dass die jungen Menschen meiner Generation, die in Europa in Sicherheit und Freiheit aufwachsen durften, hier niemals träge werden. Wir müssen uns stets daran erinnern, dass unsere glückliche Situation nicht geschenkt ist. Im Gegenteil: Sie muss immer wieder aufs Neue erarbeitet werden. Friede, Gerechtigkeit und Wohlstand kommen nicht von selbst. Sie brauchen den tatkräftigen Einsatz jedes einzelnen – in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Es ist unsere Verantwortung, diese Errungenschaften für die künftigen Generationen Europas zu bewahren und gleichzeitig unseren Beitrag zu leisten, dass sie auch in anderen Teilen der Welt zur Realität werden. In diesem Sinne freue ich mich, heute hier bei Ihnen sein zu dürfen, um gemeinsam unseren Zielen näher zu kommen.

Vielen Dank!