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Rede des Bundeskanzlers Sebastian Kurz beim Gedenkakt anlässlich 80 Jahre Novemberpogrome 1938

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Herr Nationalratspräsident, Herr Vizekanzler, Herr Bürgermeister, geschätzter Rabbi Schneier auch stellvertretend für alle anwesenden Vertreter der Religionsgesellschaften, vor allem aber geschätzte Überlebende und Gäste aus Israel.

Es ist vorhin betont worden, dass Österreich heute ein anderes ist und die Feststellung ist richtig. Es ist gut für uns alle, dass es so ist, dass wir das auch selbstbewusst sagen können. Und ich glaube der Grund dafür ist vor allem, dass wir uns so spät aber doch mit unserer eigenen Geschichte auseinandergesetzt haben. Dass wir Ereignisse – die dunkelsten Stunden unserer Geschichte – nicht im Jahr 2018 einfach verdrängen, ausblenden oder sagen, "es ist ohnehin schon so lange her", sondern dass wir uns damit auseinandersetzen, zurückerinnern und versuchen für die Zukunft zu lernen. Ich möchte mich bei Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka für die heutige Veranstaltung bedanken, weil ich glaube, dass gerade die Auseinandersetzung mit dem 9. November 1938, die Auseinandersetzung mit Erniedrigung, Vertreibung, Plünderung, Mord und Vernichtung ganz entscheidend ist. Und ich gebe zu, ich gehöre zu einer Generation, die mit dieser Auseinandersetzung ganz natürlich aufgewachsen ist. Ich habe in meinem Schulunterricht gelernt von den schönen Zeiten unserer Geschichte, von den Erfolgen in unserer Geschichte, aber auch von den dunkelsten Stunden unserer Geschichte. Aber ich gebe genauso zu, wir haben zwar gelernt, aber ich glaube wir haben nicht zu 100 Prozent verstehen, verinnerlichen oder erleben können. Wir haben gehört und gelesen, wir haben versucht es uns zu merken, aber wir haben vieles im Unterricht einfach nicht fassen können. Und es war bei mir die Auseinandersetzung, der Kontakt, das Gespräch mit den Überlebenden in der Schulzeit, das mir das erste Mal ein Stück weit das Gefühl gegeben hat, das wahre Leid irgendwie greifen zu können. Ich sage nicht verstehen oder verdauen, aber irgendwie doch erleben zu können und diese Auseinandersetzung in der Schulzeit, die war für meine Freunde und für mich eine furchtbare, eine schreckliche, eine schmerzliche, aber es war gleichzeitig eine sehr sehr für uns wichtige und prägende Auseinandersetzung. Und erst viele Jahre später, als ich als Staatssekretär damals dann die Freude hatte mit Ossi Deutsch, Hanna Lessing und vielen anderen in Kontakt zu kommen, da ist mir irgendwann nach vielen Gesprächen auch bewusst geworden, dass ich wahrscheinlich eine der letzten Generationen bin, die die Möglichkeit hat überhaupt solche Gespräche mit Überlebenden zu führen. Und es ist mir bewusst geworden, dass das hier für mich und die jüngere Generation eine große Verantwortung ist, das aufzunehmen und irgendwie auch weiterzugeben an diejenigen, die diese Gespräche vielleicht gar nicht mehr selbst führen können. Ich durfte dann als Staatssekretär, als Außenminister und zuletzt auch als Bundeskanzler neben den Gesprächen mit den Überlebenden in Österreich noch Gespräche mit Österreichern führen, die den Holocaust überlebt haben, das Land verlassen mussten und heute in Israel eine neue Heimat gefunden haben. Ich war zu Gast im Österreichischen Klub in Israel. Ein Ort, der alles andere als prunkvoll ist, der nicht den Charme eines Wiener Kaffeehauses hat, mit Plastiktellern und Plastikbesteck. Die Ausstattung sehr sporadisch und einfach und trotzdem ist dieser Ort für die Menschen, die sich dort treffen nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern es ist für viele ein Stück Österreich. Manche haben mir gesagt, es ist fast wie die Atmosphäre eines Wiener Cafés. Und es ist der Ort, an dem sie sich auch an die schönen Momente ihrer Kindheit und Jugend in Österreich zurückerinnern. Ich konnte das, nachdem ich weiß, welches Leid diese Menschen erleben mussten, was ihnen angetan wurde, gar nicht wirklich greifen und mir vorstellen, dass das so sein kann, bis dann einige dieser Überlebenden mich angesprochen haben und mir gesagt haben: "Mein größter Wunsch wäre nicht nur regelmäßig in diesem Kaffeehaus zusammenzukommen, sondern auch einmal wieder nach Österreich zu kommen." Ich gebe zu, für mich war das damals schwer greifbar, auch nicht zu 100 Prozent nachvollziehbar, wie man in ein Land zurückkehren möchte, mit dem man sehr viel Negatives verbindet. Das einem vielleicht die Eltern, die Geschwister und die Familie geraubt hat. Aber es haben mir einige sehr deutlich gemacht, dass sie mit Österreich nicht nur diese Erinnerungen haben, sondern auch ganz positive Momente und Erlebnisse verbinden. Einige dieser Überlebenden haben mir gesagt, als wir als Bundesregierung dann versucht haben diese Reise zu organisieren, dass wir ihnen damit einen Herzenswunsch erfüllen. Ich möchte Ihnen aber heute sagen, sie erfüllen uns durch ihr Kommen genauso einen Herzenswunsch und ich darf mich im Namen der österreichischen Bundesregierung bei Ihnen ganz, ganz herzlich bedanken, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Ich kann Ihnen versichern, dass Österreich heute ein anderes Land ist, dass Österreich sich seiner historischen Verantwortung bewusst ist und dass wir alle als Bundesregierung, als Republik, als politisch Verantwortliche wissen, dass wir die Pflicht zum Gedenken haben, aber dass wir gleichzeitig auch die Pflicht haben, in Gegenwart und Zukunft zu handeln. Das Ziel des Gedenkjahres ist es, nicht nur bei Veranstaltungen wie dieser sich zurückzuerinnern, sondern auch ein nachhaltiges Zeichen der Erinnerung zu schaffen. Und ich möchte mich heute ganz besonders bei Kurt Tutter bedanken für die Idee der Namensmauer. Vor allem aber auch für die Hartnäckigkeit, 20 Jahre dranzubleiben. Vielen Dank Herr Tutter, dass Sie sich trotz Vertröstungen und Verzögerungen nicht entmutigen haben lassen und dieses Projekt jetzt mit Unterstützung der Bundesregierung, des Vizekanzlers, mir, von der Stadt Wien, vom Bürgermeister, von den Landeshauptleuten und vielen anderen, vor allem aber dank Ihrer Initiative, dank Ihres Durchhaltevermögens verwirklichen. Vielen Dank dafür.

Wir finanzieren dieses Projekt gerne, weil wir der festen Überzeugung sind, dass es wichtig ist für eine Stadt wie Wien, für ein Land wie Österreich, einen nachhaltigen Ort des Gedenkens zu haben, der weit über das Gedenkjahr hinaus strahlt. Und neben der Pflicht zu gedenken haben wir alle – und das ist auch mahnend schon zu Recht erwähnt worden – auch die Pflicht, gerade als Österreich, auch zu handeln. Es ist für mich als junger Mensch eigentlich fast unvorstellbar, dass es fast 100 Jahre nach dem Holocaust noch immer antisemitisches Gedankengut gibt, das in vielen Teilen der Welt nicht weniger, sondern mehr wird. Es ist unsere Aufgabe als Republik Österreich jüdisches Leben in unserem Land aktiv zu unterstützen, gegen jede Form von Antisemitismus anzukämpfen – ganz gleich ob noch immer vorhanden oder neu importiert – und auch dafür zu sorgen, dass dieses Bewusstsein in anderen Ländern genauso stattfindet, auch wenn diese Länder nicht unsere Geschichte haben. In Österreich und in Europa darf es keinen Platz für Antisemitismus geben und unsere historische Verantwortung endet weder an der österreichischen, noch an der europäischen Grenze. Gerade weil heute auch viele unter uns sind, die ihre Lebensrealität nun in Israel haben möchte ich ganz klar betonen: Wir haben als Republik Österreich nicht nur eine Verantwortung gegenüber jüdischem Leben in Österreich und in Europa, sondern auch gegenüber Juden in Israel.

Es wird daher gemeinsam mit Bibi Netanyahu diesen Monat eine Konferenz in Österreich geben, die sich ganz bewusst nicht nur mit dem Kampf gegen Antisemitismus beschäftigt, sondern auch mit dem Kampf gegen Antizionismus. Denn nur wenn Jüdinnen und Juden in Israel, in Europa und auch darüber hinaus in Sicherheit leben können, dann sind wir alle gemeinsam als Republik unserer historischen Verantwortung wirklich gerecht geworden.

Vielen Dank!

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